Der Weg ist das Ziel

 

Sarah Drebes lief 100km in unter 24 Stunden. Mit im Gepäck war Ninifee. Hier erzählt sie von ihrer unglaublichen Reise: ein Marsch für NF Kinder. 

Der Entschluss …

Als ich mich zum MegaMarsch Frankfurt 2017 anmeldete, tat ich es zu diesem Zeitpunkt für mich. Ich walke viel, gehe sehr gerne wandern und das am liebsten alleine und am allerliebsten mit meiner Lieblingsmusik im Ohr. Ich kann dabei wunderbar abschalten, meinen Gedanken freien Lauf lassen und mich ganz meinen Träumen hingeben.

.. und NF1

Im August dieses Jahres ging ich mit meinen Kindern Lisa (12 Jahre) und Collin (10 Jahre) zu einer Untersuchung ins Sozialpädiatrisches Zentrum in Kassel. Man wollte abklären, ob die beiden auch an der genetischen Erbkrankheit Neurofibromatose Typ 1 erkrankt sind. Bei mir selbst wurde die NF1 im Alter von zwei Jahren diagnostiziert. Ich habe aufgrund der Erkrankung schon einiges hinter mir, was ich jedoch an dieser Stelle nicht explizit ausführen möchte, da der Grund für meine Anmeldung zum MegaMarsch ein anderer ist. Obwohl ich mich innerlich schon auf die Bestätigung der Diagnose NF1 bei meinen Kindern eingestellt hatte, hoffte ich natürlich auf ein anderes Ergebnis. Es bestätigte sich jedoch sowohl bei Lisa als auch bei Collin. Sogleich machte ich mich auf die Suche nach einer Gruppe oder einem Verein, der sich vorzugsweise für betroffene Kinder einsetzt. Ich wollte meinen Kindern zeigen, dass sie mit dieser Krankheit nicht alleine sind. Dabei stieß ich auf den Verein NF Kinder in Österreich. Ich las Beiträge und erfuhr, wofür sich der Verein einsetzt, was ihn ausmacht und eben auch, dass er auf Spenden angewiesen ist. Ich fühlte mich irgendwie sofort mit NF Kinder verbunden und ich wusste auch sogleich, wie ich den Verein unterstützen könnte.

Mein Marsch für NF Kinder

Mein Entschluss stand fest und so kontaktierte ich Claas Röhl, den Schirmherren des Vereins und erklärte ihm meinen Plan. Gleichzeitig sprach ich auch mit meinem Chef und fragte nach, ob ich meine Kolleginnen und Kollegen um Spendenbeiträge bitten könnte. Als alle Beteiligten einwilligten, machte ich mit einem Brief an meine Kolleginnen und Kollegen auf meinen bevorstehenden MegaMarsch und meine Spendenaktion aufmerksam. Auch sprach ich mit ihnen über meine Beweggründe und meine Motivation. Dies war wichtig, da vielen die Krankheit der Neurofibromatose kein Begriff ist. Schließlich platzierte ich überall im Büro kleine Spardosen. Ich gab kein Spendenziel vor, da jede Spende freiwillig sein sollte. Dann galt es nur noch eines zu tun: mich physisch und psychisch auf den MegaMarsch vorbereiten.

In den letzten Tagen vor meinem Antritt war ich sehr angespannt. Fragen wie „Was packe ich ein?“ schwirrten mir im Kopf herum und ich begann in Gedanken zu packen: Stirnlampe, Pflaster, Trinken, Traubenzucker, Jacke, Ticket, Handy, Powerbank … Viele der Dinge, um die ich mir den Kopf zerbrach waren rückblickend überflüssig. Naja hinterher ist man immer schlauer. Meine Kinder waren das MegaMarsch-Wochenende bei meinen Eltern und drückten mir auch aus der Ferne wie der Rest der Familie die Daumen und auch meine Kolleginnen und Kollegen unterstützten mich und schrieben mir liebe Nachrichten.

Dann war er endlich da! Der 14.10.2017. 1000 Starter. Kurz vor Startbeginn um 16 Uhr stand ich in der 1. Reihe. Mein Herz schlug mir bis in die Kehle. Der Countdown lief: 10… 9… 8… 7… 6…

 

… Los! 

Als ich den Startschuss hörte, war mein Blick nach vorne gerichtet. Mit Ninifee im Gepäck und für alle gut sichtbar, begann mein Marsch von Frankfurt nach Weinheim in hoffentlich unter 24 Stunden. Ich lief für meine Kinder und alle anderen NF Kinder.

 

Ich hatte keinen Tunnelblick, sondern saugte die Umgebung und die vielen Menschen geradezu in mich auf. Das Wetter, die Landschaft… es war atemberaubend. Besonders der Sonnenuntergang. Die ersten 20 Kilometer vergingen wie im Flug und so wurde die erste VSP 1 (Verpflegungsstation 1) schnell sichtbar. Ich hielt mich jedoch nicht lange dort auf, aß lediglich einen Apfel und trank eine halbe Flasche Wasser. Nach nicht einmal 10 Minuten legte ich Stirnlampe und Jacke an und machte mich an die nächsten 20 Kilometer. Der Weg ging durch den dunklen Wald, ganz ohne Angst oder Gruseln – ich war ja schließlich nicht alleine. Ich kann nicht sagen, an was ich während des Marschs dachte, es war so vieles. Meine Arbeit, meine Kinder, mein Partner, meine Zukunft, mein Leben. Ehe ich mich versah, war ich mit einer kleinen Gruppe falsch abgebogen und nicht mehr auf dem vorgegebenen Weg. „Keine Panik, tief durchatmen. Du bist nur irgendwo im Nirgendwo. In einem Wald und es ist dunkel. Aber hey! Du bist nicht alleine!“ Wir beratschlagten uns in der Gruppe und hatten schnell eine Route gefunden, die uns wieder auf den richtigen Weg bringen würde. Es ist schon ein herrliches Gefühl von Weitem Stirnlampen-Lichter zu sehen. Ein Zeichen, dass wir wieder auf Menschen treffen, die höchstwahrscheinlich den MegaMarsch gehen. 

Es ging weiter durch die Nacht und mitten durch den dunklen Wald. Wir gingen schmale Wege entlang, hintereinander und hochkonzentriert. „Hei ho … hei ho … wir sind vergnügt und froh …“, hörte ich mich plötzlich anstimmen. Wobei wir ein wenig mehr zählten als 7 Zwerge. Ein Schmunzeln ging durch die Gesichter meiner Mitmarschierer*innen – „Motivation ist eben alles“, dachte ich mir. 

Gegen 23:30 Uhr kamen wir schließlich bei der VPS 2 (ca. 40 km) an. Auch hier hielt ich mich gar nicht erst lange auf. Denn ich wusste sobald ich mich hinsetze und zur Ruhe komme, siegt der innere Schweinehund. Und der sollte definitiv nicht rauskommen. So schrieb ich meiner Familie und meinen Freunden, um sie zu informieren, dass es mir gut gehe und gleichzeitig erreichten mich viele liebe Motivationsnachrichten. Keine 10 Minuten später machte ich mich wieder auf den Weg, denn die nächsten 20 Kilometer warteten schon. Richtung VPS 3 und weiter Richtung Weinheim. Zum Ziel.

Durch die Nacht

Ich war noch immer motiviert und voller Elan. Der weitere Streckenabschnitt war abenteuerreich. Man wusste nie wo der Weg hinführen würde und war wirklich eine Entdeckungstour durch Wald und Feld. Natürlich konnte man sich mit seinen Mitstreiter*innen unterhalten, was nicht nur für Ablenkung sorgte, sondern die Zeit schneller vergehen ließ. Man darf nicht vergessen, dass man für 20 Kilometer grob geschätzt circa 3-4 Stunden braucht. Die 20 Kilometer zur VPS 3 zogen sich. Und dennoch beschritt ich die Strecke etwas schneller. Würde ich dort doch auf meinen ehemaligen Kollegen treffen – einen freiwilligen Helfer. Mehr als motivierend war jedoch der Blick in den Nachthimmel. Ein gigantischer Sternenhimmel am Firmament und Sterne zum Greifen nahe. Es ist schwer zu beschreiben, was ich in dem Moment fühlte, aber „Freiheit“ von Marius Müller Westernhagen trifft es ziemlich gut.(https://www.youtube.com/watch?v=OTjBlbk_y0c)

Ich fühlte mich friedlich, entspannt und verschwendete keinen Gedanken ans Aufgeben. Der Weg zur VPS 3 war zwar anspruchsvoll, aber nichts im Vergleich zu den darauffolgenden Kilometern. Ich erreichte das VSP 3 gegen 3:30 Uhr, wo mich mein ehemaliger Arbeitskollege erwartete und mich zu meinen erreichten 60 Kilometern beglückwünschte. Nach einem kurzen Plausch, kleinen Dehnübungen und das Versenden eines kurzen Lebenszeichens an meine Lieben ging mein Weg weiter zur nächsten Station: VPS 4. 

Weiter immer weiter 

Was mich nun erwarte würde, war mir zum Glück vorher nicht klar gewesen. Und das trotz mir bekannter Strecke so gar nicht bewusst. Wer weiß mit welcher Motivation ich sonst weitergegangen wäre. Nach der VPS 3 ging es steil bergauf. Und wenn ich steil schreibe, dann meine ich auch steil. Genauer: ein schmaler steiler Waldweg. Die Strecke führte durch den Odenwald. Es war unbeschreiblich. Und es kam noch besser. Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit irgendwo in der Höhe ankamen, standen wir in der Finsternis vor einem so genannten Felsenmeer. Ein Meer von Felsen im Odenwald. Meine Sicht war im Dunklen sehr beschränkt, sodass ich das Ausmaß des Felsenmeers nicht erkennen konnte und dies war auch gut so. Denn der vorgegebene Streckenabschnitt verlief geradewegs mittenhindurch. „Da musst du jetzt durch“, erklang eine Stimme in meinem Kopf. Also richtete ich meine Stirnlampe zurecht und ging den steinigen Weg abwärts. In tiefster Dunkelheit. Bei diesem steinigen Abschnitt meldete sich nun doch die Skeptikerin in mir „Was mache ich bloß hier“ und so weiter hörte ich mich denken. Gleichzeitig fand ich es aber auch irgendwie spannend und aufregend. Ein richtiges Abenteuer. Und ehe ich mich versah, knickte ich um. Mit meinem linken Fuß: kurz aber dennoch sehr spürbar. Bevor ich mir darüber Gedanken machen konnte, was nun zu tun sei, ging ich einfach weiter und unterdrückte jede Schmerzensbekundung. Aufgeben war nun mal keine Option! Als ich das Felsenmeer erfolgreich bezwungen hatte und mir sicher war, das Schlimmste überstanden zu haben, wurde ich eines Besseren belehrt. Es ging wieder bergauf. Steiler als zuvor und über einen nicht enden wollenden Streckenabschnitt hinweg. „Wir hassen Berge“, einigten wir uns innerhalb der Gruppe. Und zwar vollzählig. Berg rauf, Berg rauf und nochmal Berg rauf. Dann musste ich plötzlich innehalten und Dampf ablassen. Ich stieß im wahrsten Sinne des Wortes an meine Grenzen. Zwar nur einen Moment aber dennoch. Ich trank einen Schluck und …  ging weiter. Zwischenzeitlich meldete sich auch mein linker Fuß „Hallo Sarah, ich habe mir wehgetan“, doch ich ignorierte den sich ankündigen Schmerz. Immer weiter gingen wir. Weiter durch Feld, Wiesen und Wälder und hinein in den Sonnenaufgang. Wie schön es war, die ersten Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht zu spüren.  Ich fühlte mich fit. Gar nicht müde. Meine Gedanken drehten sich ausschließlich darum, zur VPS 4 zu kommen. Gegen 7:30 Uhr erreichte ich die lang ersehnte Station. Ich gönnte mir eine kleine Verschnaufpause und legte mein Bein hoch – mein linker Fuß schmerzte mittlerweile dumpf. Ich besann mich auf mein Vorhaben, meine Familie, mein Ziel. Ich pausierte das erste Mal 15 Minuten und ließ meinen Freund wissen, dass ich 74 Kilometer geschafft hatte. Nach einem Schluck süßen Tee stand ich wieder auf und setzte meinen Weg fort. Nach Weinheim.

Die letzten Kilometer

Ich fühlte mich noch immer voller Elan und auch meinen Fuß, der sich zwischenzeitlich meldete, blendete ich aus. „Du hast so viel geschafft, da wird der Rest ein Klacks“. Ich wurde mal wieder eines Besseren belehrt, denn nach der VPS 4 ging es bergauf. Unter Fluchen und innerlichem Schimpfen bezwang ich den Aufstieg. Die Sonne strahlte und ich blickte auf die traumhafte Landschaft. Doch immer stärker werdende Schmerzen trübten meinen Blick. Ich zählte die Kilometer, die Minuten, die noch übriggebliebenen Mitstreiter. Ich versuchte mich abzulenken, aber die Zeit wollte einfach nicht schneller vergehen. Zu allem Überfluss kam ein erneuter Aufstieg. Ich blieb stehen und schaute nach oben und fluchte innerlich noch einmal lauthals. Anschließend nahm ich meine Nordic Walking Stöcke, die ich wohl weislich eingepackt hatte zu Hand, atmete tief ein und aus … und – wie soll es auch anders sein? – ging einfach weiter. 

Die letzten 15 Kilometer zogen sich wie Kaugummi. Es war so anstrengend. Aber nicht etwa, weil ich müde war, sondern weil die Schmerzen am Fuß mit jedem Schritt stärker wurden. Irgendwann oben angekommen, ging es leider auch wieder runter, was meinen Fuß besonders belastete. Doch da konnte ich schon das Schild „Weinheim 6 Kilometer“ sehen. Mit etwas Glück schafft man das in 1 Stunde und so hieß es wieder weiter, einfach weitermarschieren. Schließlich… endlich Weinheim. Jetzt musste ich nur noch zum Schlosspark ins Ziel. Als ich in die Zielstraße einbog, sah ich es vor mir: es ging bergauf. Zwar nicht viel, aber es war bergauf. „Jetzt ramme ich dir mir deine Stöcke in den Asphalt“, dachte ich und ging schnellen Schrittes diesen allerletzten Anstieg. An den Straßenseiten standen Menschen, die uns zujubelten und die letzten Meter entlang anfeuerten. Kurz vor dem Ziel erblickte ich dann schon von Weitem meinen Freund, der bereits auf mich wartete und ebenfalls klatschte. Er kam mir entgegen, nahm mich in die Arme und flüsterte „Du hast es geschafft, gehe durchs Ziel.“

Der Moment

 

Mein Blick fiel in Richtung Ziel und ging ihm entgegen und hindurch. Ich weiß nicht mehr, was ich in dem Moment dachte. Ninifee und ich waren angekommen. Nach 20 Stunden war ich endlich im Ziel. Irgendjemand, ich vermute mal der Veranstalter, hing mir eine Medaille um sagte „Gratuliere. Du bist ein Finisher“.

 

Ich konnte es erst gar nicht realisieren. Was ich hingegen realisierte war mein Fuß, der sich ebenfalls zu Wort meldete: „Jetzt bist du fällig.“ Nach ein paar Minuten im Ziel konnte ich keinen Schritt mehr laufen und musste von meinem Freund gestützt werden. Es ging einfach nicht mehr. Meine Schuhe auszuziehen, traut ich mich vorerst nicht und so kam das Übel erst zu Hause zum Vorschein. Resultat: 5 Blasen, ein verstauchter Knöchel und der Verlust von 3 Zehennägeln, inklusive zwei Tagen eingeschränktem Laufen. Und dennoch: es hat sich gelohnt und ich würde es immer wieder tun. Erst Recht wenn ich damit allen NF Kindern helfen kann. 

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